Samstag, 28. August 2010

Der lange Weg zur Erkenntnis - oder - Wie lernfähig sind unsere Politiker?

Als vor einigen Jahren die Diskussion um das Renteneintrittsalter begann, erhoben schon damals einige Menschen ihre warnende Stimme. Wohl wissend, dass viele Menschen schon damals aufgrund ihrer Berufe und der damit verbundenen jeweiligen körperlichen oder auch psychischen Belastungen nicht einmal bis zum 65. Lebensjahr arbeiten konnten, vermuteten wir eine verkappte Rentenkürzung.
Nun - Jahre später - gibt es tatsächlich auch schon einige Politiker, die eine erneute Erhöhung des Renteneintrittsalters von einigen Bedingungen abhängig machen wollen.
Wünschen wir diesen - wenigen - vernünftigen Politikern viel Erfolg bei ihren Bemühungen.

Mittwoch, 18. August 2010

Krebserfahrungen

Vor etwas einem Jahr machte ich meine ersten Erfahrungen mit dieser heimtückischen Krankheit. Ein sehr guter Freund von mir erkrankte seinerzeit an Lungenkrebs. Unsere über den Jahreswechsel 2009 / 2010 geplante Reise nach Thailand hatten wir (damals) auf unbestimmte Zeit verschoben. Nach Operation, Chemo- und Strahlentherapie konnte er als "geheilt" sein "normales" Leben wieder aufnehmen. Er bestieg Anfang Mai ein Flugzeug um Freunde in Thailand zu besuchen.

Meine zweite Krebserfahrung begann etwa zwei Wochen später.
Mitte Mai dieses Jahres erhielt ich einen Anruf aus Berlin, meine Mutter wurde - für mich völlig überraschend - in ein Krankenhaus eingeliefert und bereits am nächsten Tag operiert.

Die Untersuchung der dabei entfernten Geschwülste aus der Bauchhöhle, dem Darm und der Leber erbrachte den befürchteten Krebs-Befund. Aufgrund der Organ übergreifenden fortgeschrittenen Metastasen lautete die Diagnose der behandelnden Ärzte: Unheilbar.

Die "Tumorkonferenz" des Krankenhauses hat keine Empfehlung für eine Chemo-Therapie ausgesprochen.

Bei einer "Routine-Untersuchung" in einem anderen Krankenhaus empfahl der dortige Onkologe eine sofortige Chemotherapie, die seiner Aussage zufolge eine Ausweitung der Metastasen eindämmen könnte. Somit würde sich die verbleibende Lebenszeit "nicht unerheblich" verlängern. Dieser Onkologe hat übrigens an der oben genannten "Tumorkonferenz" teilgenommen.

Vier Wochen und 3 Chemo-Behandlungen später wurde die Chemotherapie abgebrochen. Begründung: Die Heftigkeit der Nebenwirkungen und unerwartete Komplikationen.

Zur ersten Chemo-Behandlung ist meine Mutter den Weg in das etwa 1 Km entfernte Krankenhaus zu Fuß gegangen, selbst die Tasche hätte sie am liebsten selbst getragen.

Als sie drei Tage nach Abbruch der Behandlung das Krankenhaus verließ, konnte sie sich ohne fremde Hilfe nicht mehr aufsetzen, an Laufen war überhaupt nicht zu denken.
Sie wurde mit einem Krankenwagen in ein Berliner Hospiz gebracht, wo sie die letzten drei Wochen ihres Lebens verbrachte.

Trotz der liebevollen Fürsorge die sie dort erfuhr, bewahrheitete sich ein Satz, den ich schon öfter mal von ihr gehört hatte: "Den Tod fürchte ich nicht - aber das Sterben". Sie verstarb am 13. August 2010.

Mittwoch, 4. August 2010

Das Alter - Achten statt Ächten

Diesen Artikel von Caroline Fetcher fand ich im Tagesspiegel:

"Ey, Alter! Mit dem Anruf wenden sich ausgerechnet Jugendliche an ihre Kumpels. Oft signalisiert die Anrede umstandslose Nähe, meist auch leicht ironisch verkleideten Respekt, die Anerkennung des anderen. Vor dem echten Alter, den alten Menschen haben dieselben Jugendlichen in der Regel wenig Achtung und geben damit nicht selten nur weiter, was sie selber erfahren haben.
Vielleicht schwingt in der Anrede, die scheinbar sinnentleert verwendet wird, der Rest eines Wunsches mit nach einer Gesellschaft, die vertrauensvolles Gefüge der Genrationen kennt, das Achten der Alten wie der Jungen?

Über die Alten ist immer häufiger zu hören, was in der Politik auch gern über die Jungen gesagt wird, nämlich dass sie teuer sind, unproduktiv und keine profitable Zukunft haben. Unfinanzierbare Rentengarantie, steigende Gesundheitskosten, zu viele neue Hüftgelenke: In aktuellen Schlagzeilen ist das Alter meist ein Problem, ein kostspieliges.
In der Werbung dagegen finden sich mobile, zahlungskräftige Pensionäre, interessant als Zielgruppe für Kreuzfahrtangebote wie für stärkende Kräutersäfte. Beide Porträt-Genres spiegeln nur Fragmente der Realität wider. Es stimmt, dass das Alter nicht mehr das ist, was es mal war, oder jedenfalls mal sein sollte. Alter bedeutet meist nicht mehr den Rückzug ins bedächtige Beobachten des Treibens der Welt, als lebenssatter Zaungast. Viele der Rentner von heute tragen Jeans und T-Shirts, haben in ihrer Jugend Rock´n Roll gehört, sind online vernetzt und bilden sich weiter. Ganz hanseatische Sphinx, gibt der 92-jährige Ex-Kanzler noch immer bissige Interviews und ist beliebter als alle jüngeren zusammen. Die "Uhus", wie die Unterhundertjährigen neuerdings genannt werden, wollen noch allerhand vom Leben. Und sie werden immer mehr. eine alternde Gesellschaft verlängert zwar das Jungsein und sie transformiert die Generationenfrage - aber noch kaum unseren Diskurs. Der Zivilisationsgrad einer Gesellschaft lässt sich am Umgang mit ihren schwächsten Gruppen messen, also auch an ihrem Verhältnis zu den Kleinsten und den Ältesten, zu Kindern und Rentnern. Auffällig ist hier, dass und wie diese beiden Gruppen im öffentlichen Diskurs primär als problematisch gelten, als teuer oder lästig.
Aus wessen Perspektive, in wessen Diskurs? Aus dem Blickwinkel derer, die ökonomisch und politisch aktuell im Einsatz sind, an der Macht. Diese Gruppe beklagt unter Bedauern und mit Sorgenfalten die Kosten für Kitaplätze und Pflegeplätze, die Forderungen nach höheren Renten oder niedrigen Betreuungsschlüsseln an Schulen und Kindergärten.
Erstaunlich daran ist der kardinale Denkfehler, mit dem suggeriert wird, die Generationen seien drei getrennte, konkurrierende Gruppen, die wie ökonomische Klassen miteinander im Wettstreit liegen. Dabei ist jeder Mensch im Lauf des Lebens drei Genrationen, das gilt auch für die Weichensteller von heute. Sie waren Kinder, sind erwerbstätige Erwachsene und werden Rentner sein. Bei Tag und bei Nacht dreht sich die Erde, Zeit vergeht immerzu.
Ey, wir altern. Und zwar alle. Zwei Richtungen kennt die Zeitachse in der Physik, das Vergangenheitsunendliche und das Zukunftsunendliche. Auf einem geheimnisvollen Punkt der Achse halten wir uns jeweils im imaginären Jetzt auf. Zur egoistischen Fixierung auf diesen Punkt kommt es, wenn die Logik der Zeitachse geleugnet und verdrängt wird. Diesen Vorgang, der an allererster Stelle die Entsolidarisierung, die Entkoppelung der Generationen bewirkt, verdankt die Gesellschaft der Blindheit derer, die meinen, über das Heute zu herrschen, ohne je Kinder gewesen zu sein oder jemals Rentner zu werden.
Das inakzeptable Resultat davon heißt Empathiearmut, die dümmste Armut, die es gibt. Denn sie ist eine vollkommen vermeidbare. Erster Schritt zum Beenden der Empathiearmut wäre mehr Bewusstsein für die Zeitachse, denn der Punkt "jetzt" auf der Achse ist pure Illusion."